Unterschiede zwischen Holokratie und Soziokratie

Vor knapp einem Jahr hat­te ich im Bei­trag „Ver­bun­den im Kon­sent – Was ist Sozio­kra­tie?“ die Her­kunft und die vier Prin­zi­pi­en der Sozio­kra­tie erläu­tert. In die­sem Bei­trag möch­te ich nun dar­auf auf­bau­end die Her­kunft der Holok­ra­tie und deren Unter­schie­de zur Sozio­kra­tie auf­zei­gen.

Die­ser Bei­trag ist zuer­st im Blog von intrin​si​fy​.me erschie­nen und gemein­sam mit Chris­ti­an Rüt­her ent­stan­den (mehr zu Chris­ti­an am Ende des Bei­tra­ges).

 

Wie ist die Holok­ra­tie ent­stan­den?

Der US-Amerikaner Brain Robert­son lern­te 2006 vom Soziokratie-Aktivisten und -Trai­ner John Buck die Sozio­kra­tie ken­nen, und ver­öf­fent­lich­te die­se zunächst mit weni­gen Ände­run­gen und spä­ter mit eini­gen prak­ti­schen Wei­ter­ent­wick­lun­gen unter dem Namen Hola­cra­cy (deut­sch: Holok­ra­tie). John Buck stell­te auch den direk­ten Kon­takt zu Gerald Enden­burg, dem Pio­nier und Erfin­der der Sozio­kra­tie für Orga­ni­sa­tio­nen, her.

Neben der Sozio­kra­tie ist die Holok­ra­tie durch zwei wei­te­re Ent­wick­lun­gen beein­flusst:

  • Einer­seits die Arbei­ten von Ken Wil­ber zur inte­gra­len Theo­rie (vgl. Blog­bei­trag Evo­lu­ti­on mensch­li­cher Orga­ni­sa­ti­ons­for­men), aus deren Ein­fluss sich auch der Name Holok­ra­tie ergab.
  • Ande­rer­seits durch agi­le Soft­ware­ent­wick­lungs­ver­fah­ren wie Scrum. Das ergab sich dar­aus, dass Brain Robert­son agi­le Ver­fah­ren in sei­ner Soft­ware­ent­wick­lungs­fir­ma Tern­ary ein­setz­te. In Tern­ary begann er auch mit agi­len Orga­ni­sa­ti­ons­for­men und Holok­ra­tie zu expe­ri­men­tie­ren, wobei das Unter­neh­men kur­ze Zeit spä­ter eine wirt­schaft­li­che Kri­se nicht über­leb­te.

Wei­ter­ent­wi­ckelt hat Brain Robert­son die Holok­ra­tie dann mit sei­nem Unter­neh­men Hola­cra­cy One.

Auf Grund die­ser Ent­wick­lungs­ge­schich­te sind die gro­ßen Ähn­lich­kei­ten zwi­schen Holok­ra­tie und ihrem Vor­bild Sozio­kra­tie nicht wei­ter ver­wun­der­li­ch. Für vie­le, die sich die­sen Model­len nähern, sind die Unter­schie­de zunächst gar nicht so leicht zu erken­nen. Was Holok­ra­tie ist, möch­ten wir des­we­gen hier auch gar nicht umfas­send dar­stel­len, son­dern der Ein­fach­heit hal­ber nur im Ver­hält­nis zur Sozio­kra­tie.

 

Unter­schie­de zur Sozio­kra­tie

Die Holok­ra­tie ver­wen­det eini­ge ande­re Begrif­fe für die glei­chen oder ähn­li­chen Kon­zep­te, bei­spiels­wei­se inte­gra­ti­ves Ent­schei­dungs­ver­fah­ren statt Konsent-Moderation. Dar­über hin­aus exis­tiert eine Rei­he klei­ne­rer und grö­ße­rer Unter­schie­de:

  • Wie in der Sozio­kra­tie ent­schei­det der Ein­wand­ge­ber über die Gül­tig­keit eines Ein­wan­des. In der Holok­ra­tie exis­tiert jedoch eine Vali­di­täts­prü­fung, mit dem die sach­li­che Berech­ti­gung hin­ter­fragt wird.
  • Wenn es trotz viel­fäl­ti­ger Bemü­hun­gen zu kei­ner Ein­wand­be­he­bung im Kreis kommt, wer­den in der Sozio­kra­tie die Ent­schei­dung im nächst-höheren Kreis getrof­fen, in der Holok­ra­tie wird der Mode­ra­tor durch den Mode­ra­tor des Ober­krei­ses ersetzt.
  • Die Holok­ra­tie kennt neben den hier­ar­chi­schen Ver­bin­dun­gen der Krei­se zum Ober- und zu Unter­krei­sen auch offi­zi­ell Ver­bin­dun­gen zu Nach­bar­krei­sen. In der Sozio­kra­tie ist dies allen­falls inof­fi­zi­el­le Pra­xis.
  • Die Holok­ra­tie ver­teilt Zustän­dig­kei­ten sys­te­ma­ti­sch auf Rol­len auf, in der Sozio­kra­tie ist dies optio­nal.
  • Rol­len­in­ha­ber wer­den in der Sozio­kra­tie nach der Qua­li­tät, in der Holok­ra­tie nach der Quan­ti­tät der Stim­men gewählt.
  • Holok­ra­tie ver­sucht in ver­schie­de­ner Wei­se die Indi­vi­du­en und ihr Ego von den wahr­ge­nom­me­nen Rol­len zu tren­nen („divi­ding role and soul“). Die per­sön­li­chen Inter­es­sen sol­len kei­ne Rele­vanz erhal­ten, im Vor­der­grund soll die Sicht­wei­se der Rol­le im Hin­bli­ck auf den gemein­sa­men Zweck ste­hen. Die Sozio­kra­tie akzep­tiert die Ganz­heit der Betei­lig­ten.
  • In der Holok­ra­tie ist die Rol­le des Füh­rungs­re­prä­sen­tan­ten (Lead-Link) deut­li­cher vor­ge­schrie­ben als in der Sozio­kra­tie die Rol­le der Füh­rungs­kraft. Ein wesent­li­cher Unter­schied ist, dass in der Sozio­kra­tie die Füh­rungs­kraft im nächst höhe­ren Kreis mit dem Kon­sent des Dele­gier­ten gewählt wird, in der Holok­ra­tie benennt der Füh­rungs­re­prä­sen­tant (Lead-Link) des Ober­krei­ses die Füh­rungs­re­prä­sen­tan­ten für die Unter­krei­se. Es braucht kei­ne Legi­ti­ma­ti­on des Dele­gier­ten (Rep-Links).
  • Holok­ra­tie und Holo­cra­cy sind geschütz­te Wort­mar­ken von Hola­cra­cy One und, wie vie­le Mate­ria­li­en dazu, nicht frei ver­füg­bar. Von der Sozio­kra­tie hat man kei­ne recht­li­chen Kon­se­quen­zen zu befürch­ten.
  • In bei­den Model­len exis­tie­ren Aus­bil­dun­gen und Zer­ti­fi­zie­run­gen. In der Sozio­kra­tie dür­fen sich inter­ne und exter­ne Bera­ter ohne Zer­ti­fi­kat legal auf Sozio­kra­tie bezie­hen, in der Holok­ra­tie nur inter­ne.
  • Holok­ra­tie ist ein aus­ge­präg­tes Geschäfts­mo­dell. Die Aus­bil­dung und Akkre­di­tie­rung zu einem Holokratie-Berater ist mit hohen Hür­den, Kos­ten und spä­te­ren Umsatz­be­tei­li­gun­gen für Hola­cra­cy One ver­bun­den. Das Akkreditierungs- und Fran­chise­mo­dell der Sozio­kra­tie ist weni­ger kom­mer­zi­ell aus­ge­rich­tet.
  • Die Sozio­kra­tie ist als inter­na­tio­nal ver­teil­te Gemein­schaft orga­ni­siert, es gibt ein gemein­sa­mes Dach, die Soziokratie-Gruppe, und dar­un­ter ver­schie­de­ne regio­na­le Divi­sio­nen und natio­na­le Zen­tren. Die Holok­ra­tie ist gebün­delt unter Holo­cra­cy One.

Ganz all­ge­mein fühlt sich Holok­ra­tie ame­ri­ka­ni­scher an, bei­de Model­le haben eine Rei­he kla­rer Regeln und es gibt eine Rei­he von Orga­ni­sa­tio­nen, die ihre jeweils eige­ne Inter­pre­ta­ti­on der Regeln leben. Weil die Holok­ra­tie erheb­li­ch jün­ger ist, exis­tie­ren kei­ne Bei­spie­le und Nach­wei­se der lang­fris­ti­gen Prak­ti­ka­bi­li­tät. Obwohl die Sozio­kra­tie über vier­zig Jah­re alt ist, gibt es für sie auch nur weni­ge lang­fris­ti­ge Bei­spie­le. In vie­len Fäl­len war die Imple­men­tie­rung begrenzt auf die Zeit, die die ober­s­te Füh­rungs­kraft hin­ter der Sozio­kra­tie stand.

Die Auf­be­rei­tung und Ver­mark­tung der Holok­ra­tie ist ein­gän­gi­ger und kraft­vol­ler, wodurch die Holok­ra­tie trotz des jun­gen Alters schnell zu nam­haf­ten Refe­ren­zen kam. Die Sozio­kra­tie scheint im Bereich Non-Profit und gemeinwohl-orientierter Orga­ni­sa­tio­nen zumin­dest his­to­ri­sch eine stär­ke­re Ver­brei­tung zu haben.

Bei­de Model­le sind recht uni­ver­sell anwend­bar und erschei­nen glei­cher­ma­ßen brauch­bar und erfolg­ver­spre­chend. Vor allem des­we­gen, weil vie­le Unter­neh­men die Model­le nur als Aus­gangs­punkt neben und sich dann suk­zes­si­ve in eine eige­ne Rich­tung ent­wi­ckeln oder weil sie von Anfang an, sich eher nur grob an den Model­len ori­en­tie­ren. Mit dem letzt­ge­nann­ten Vor­ge­hen pro­fi­tie­ren die Unter­neh­men aller­dings auch weni­ger von den viel­fäl­ti­gen Erfah­run­gen, die in bei­den Model­len ver­dich­tet wur­den.

Bernd Oes­te­reich, Chris­ti­an Rüt­her

 

Koautor Christian Rüther und weiterführende Texte

Chris­ti­an Rüt­her ist selb­stän­di­ger sozio­kra­ti­scher Unter­neh­mens­be­ra­ter, pro­fes­sio­nel­ler Welt­ver­bes­se­rer und ist im deutsch­spra­chi­gen Raum einer der ers­ten Ansprech­part­ner zum The­ma Sozio­kra­tie. Sei­ne wei­te­ren Schwer­punk­te sind die Gemeinwohl-Ökonomie und die Gewalt­freie Kom­mu­ni­ka­ti­on (GFK) nach Mar­shall Rosen­berg.

Auf sei­ner Soziokratie-Homepage hat Chris­ti­an par­al­lel zu die­sem Blog-Beitrag ein gut 160-seitiges Skript ver­öf­fent­licht, in der er die Ansät­ze der Soziokratie/Holakratie und Lalouxs „Reinven­ting Orga­niza­t­i­on“ beschreibt und auch kri­ti­sch reflek­tiert.