Agil, soziokratisch, holokratisch, teal, systemisch etc. – eine kleine Orientierung

In die­sem Text beschrei­be ich die wich­tigs­ten Ein­flüs­se und Quel­len, die uns zu unse­rer Buch­pu­bli­ka­ti­on „Das kol­le­gia­le geführ­te Unter­neh­men“ inspi­riert haben. Die Beschrei­bung ist aber auch unab­hän­gig von unse­rem Buch inter­es­sant, weil ich die Her­kunft und Zusam­men­hän­ge wich­ti­ger Begrif­fe aus dem Kon­text auf­zei­ge (agil, sozio­kra­tisch, Holok­ra­tie, Teal, sys­te­misch etc.).

Unser Buch „Das kol­le­gia­le geführ­te Unter­neh­men“ ist eine geord­ne­te und aus­ge­wähl­te Samm­lung von Prin­zi­pi­en, Werk­zeu­gen, Defi­ni­tio­nen, Pra­xis­er­fah­run­gen und Per­spek­ti­ven zum The­ma kol­le­gia­le geführ­te Orga­ni­sa­tio­nen.

Wir hat­ten Sozio­kra­tie und Holok­ra­tie in der eige­nen Unter­neh­mens­pra­xis erprobt und sind dabei ver­schie­de­nen Impul­sen und Anfor­de­run­gen nach Ver­ein­fa­chun­gen und grö­ße­rer Fle­xi­bi­li­tät gefolgt. Bei­spiels­wei­se erschie­nen uns eini­ge der Ele­men­te, Regeln und Prin­zi­pi­en zu for­mal, zu unprak­tisch oder büro­kra­tisch. Ein­zel­ne Ele­men­te und Stan­dards, von den Dop­pel­ver­bin­dern bis hin zum Kon­sent, erschie­nen uns nicht für alle Anwen­dungs­fäl­le und Situa­tio­nen nutz­brin­gend genug.

Eben­so haben wir im Lau­fe der Zeit wei­te­re Prak­ti­ken ken­nen­ge­lernt, gefun­den und erfun­den, die sich für bestimm­te Kon­tex­te, für eine bestimm­te Zeit oder auch gene­rell als nütz­lich erwie­sen haben, sodass wir sie unse­rem Werk­zeug­kof­fer als Mög­lich­keit hin­zu­ge­fügt haben. Wäh­rend der Erar­bei­tung des Buches haben wir die­se und ande­re rea­le Ent­wick­lun­gen reflek­tiert, den Werk­zeug­kas­ten auf­ge­räumt, Begrif­fe und Werk­zeu­ge gesäu­bert und geschärft, um die­ses ver­dich­te­te Erfah­rungs­wis­sen in Form die­ses Buches wei­ter­ge­ben zu kön­nen.

Die Inhal­te unse­res Buches haben also vie­le Müt­ter und Väter. Wir haben vie­le eige­ne Ide­en und Erfah­run­gen ein­ge­bracht und eben­so vie­le vor­han­de­ne Kon­zep­te auf­ge­grif­fen und rekom­bi­niert. Manch­mal wis­sen wir auch gar nicht mehr oder noch nicht, woher wel­che Idee stammt.

Die nach­ste­hen­de Abbil­dung (zum Ver­grö­ßern raufkli­cken) zeigt die wich­tigs­ten Ein­flüs­se und Quel­len unse­rer Arbeit, die ich im fol­gen­den Text etwas kom­men­tie­re.

Agil

Mei­nen ers­ten prak­ti­schen Kon­takt zu agi­len Soft­ware­ent­wick­lungs­me­tho­den (kon­kret Extre­me Pro­gramming (XP)) hat­te ich Mit­te der 1990er Jah­re in einem gro­ßen Ver­si­che­rungs­pro­jekt. Die Grund­prin­zi­pi­en und Wer­te von XP sind noch immer rele­vant und fin­den sich sowohl im agi­len Mani­fest hin­ge­gen als auch in Scrum grund­sätz­lich wie­der.

Die agi­le Soft­ware­ent­wick­lung war anfangs vor allem eine Gegen­be­we­gung zum was­ser­fall­ori­en­tier­ten Pro­jekt­ma­nage­ment. An Stel­le lan­ger Planungs- und Kon­zep­ti­ons­pha­sen trat die iterativ-inkrementelle Ent­wick­lung, bei der mit jedem Schritt bereits eine Feed­back ermög­li­chen­de Teil­lö­sung mit Geschäfts­wert ent­stand.

Dabei beruht das Was­ser­fall­mo­dell auf einem his­to­ri­schen Miss­ver­ständ­nis. Winston Roy­ce beschrieb in den 1970er Jah­ren ein Modell, dass aus einer Fol­ge von Ite­ra­tio­nen immer glei­cher Pha­sen­ver­läu­fe bestand. Die Pha­sen inner­halb einer Ite­ra­ti­on hat­te er kas­ka­den­ar­tig visua­li­siert, was zum Begriff Was­ser­fall führ­te. Für den aller­ein­fachs­ten Fall hielt er auch einen ein­zel­nen Zyklus für mög­lich. Lei­der ver­stand der maß­geb­li­che Autor des für die USA wich­ti­gen Stan­dards DOD-STD-2167A nur die­se Tri­via­li­sie­rung, die somit schließ­lich in ent­spre­chen­de Nor­men und Vor­ge­hens­stan­dards über­nom­men wur­de. Dar­auf­hin wur­de das ite­ra­ti­ons­lo­se Was­ser­fall­mo­dell fata­ler­wei­se vor allem auch für Mega­pro­jek­te her­an­ge­zo­gen. Erst 20 Jah­re spä­ter begann die agi­le Bewe­gung in der Soft­ware­indus­trie mit der Kor­rek­tur die­ses Miss­ver­ständ­nis­ses.

Kanban und Lean

Kan­ban ist eine ein­fa­che auf Signal­kar­ten basie­ren­de Tech­nik aus dem Toyota-Produktionssystem, wel­ches in den letz­ten 15 Jah­ren von der Soft­ware­ent­wick­lung adap­tiert und mit Ele­men­ten aus dem Lean Pro­duct Manage­ment ange­rei­chert wur­de. Dabei wird der Arbeits­fluss visua­li­siert, meis­tens mit Hil­fe ent­spre­chen­der Spal­ten auf einer Kan­ban­ta­fel, von Push auf Pull als Koope­ra­ti­ons­prin­zip umge­stellt, die Men­ge der ange­fan­ge­nen Arbeit pro Arbeits­schritt begrenzt und ein kon­ti­nu­ier­li­cher Ver­bes­se­rungs­pro­zess eta­bliert.

Heu­te fin­den wir in der Soft­ware­ent­wick­lung vie­le Misch­for­men von agi­len und schlan­ken Vor­ge­hens­wei­sen.

Soziokratische Kreisorganisation

Die ers­ten Impul­se zur Ent­wick­lung der Sozio­kra­tie gin­gen von dem nie­der­län­di­schen Reform­päd­ago­gen Kees Boe­ke aus. Er schil­der­te das Kon­zept 1946 in sei­nem Buch „Rede­li­jke orde­ning von de mensen­ge­me­en­schap“ (Ver­nünf­ti­ge Ord­nung der mensch­li­chen Gemein­schaft). Ganz neu erfun­den hat­te Boe­ke das Kon­zept nicht. Er wur­de vom kon­sens­ba­sier­ten Ent­schei­dungs­prin­zip der Quä­ker, deren Glau­bens­ge­mein­schaft er ange­hör­te, und vom fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Augus­te Comte inspi­riert. Übri­gens stamm­te auch Fre­de­rick Tay­lor auch aus einer Quäker-Familie. Das Wort Sozio­kra­tie selbst lei­tet sich aus dem latei­ni­schen „soci­us“ (gemein­sam, ver­bun­den) und dem grie­chi­schen „krateia“ (Herr­schaft) ab.

1926 grün­de­te Boe­ke in Bil­tho­ven bei Utrecht die Reform­schu­le „Werk­plaats Kin­der­ge­me­en­schap“ und ent­wi­ckel­te dort grund­le­gen­de sozio­kra­ti­sche Wer­te und Prin­zi­pi­en. Inter­es­san­ter­wei­se schick­te das nie­der­län­di­sche Königs­haus drei sei­ner Töch­ter, näm­lich Bea­trix, Ire­ne und Mag­riet, auf die­se Schu­le. Die Reform­schu­le exis­tiert noch immer: http://​www​.wpkees​bo​e​ke​.nl/. Ein Schü­ler von Kees Boe­ke, der spä­ter sei­ne Ide­en adap­tier­te und unter ande­rem für die Anwen­dung in Unter­neh­men wei­ter­ent­wi­ckel­te, war Gerald Enden­burg.

Enden­burg über­nahm 1968 von sei­nen Eltern das bis heu­te bestehen­de Unter­neh­men Enden­burg Elek­tro­tech­niek. Immer noch inspi­riert von Kees Boe­ke und der Sozio­kra­tie krem­pel­te er, 36 Jah­re alt, das Unter­neh­men zwei Jah­re spä­ter um. So ent­wi­ckel­te er schließ­lich die sozio­kra­ti­sche Kreis­or­ga­ni­sa­ti­on. Enden­burgs Unter­neh­men durch­stand die Schiff­bau­kri­se in den 1970er Jah­ren und wuchs spä­ter auf 150 Mit­ar­bei­ter an.

1978 wur­de das Sozio­kra­ti­sche Zen­trum der Nie­der­lan­de gegrün­det, wel­ches die sozio­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en wei­ter­ent­wi­ckel­te und -ver­brei­te­te. Spä­ter ent­stand dar­über The Socio­cra­cy Group (TSG) als welt­wei­te Dach­or­ga­ni­sa­ti­on der Sozio­kra­tie.

Holokratie

Der US-Amerikaner Brain Robert­s­on lern­te 2006 beim Soziokratie-Trainer John Buck die Sozio­kra­tie ken­nen, ver­öf­fent­lich­te die­se zunächst mit gerin­gen Ände­run­gen und spä­ter mit prak­ti­schen Wei­ter­ent­wick­lun­gen unter dem Namen Hol­acra­cy (deutsch: Holok­ra­tie oder Holakra­tie). John Buck stell­te auch den direk­ten Kon­takt zu Gerald Enden­burg her.

Neben der Sozio­kra­tie ist die Holok­ra­tie durch wei­te­re Ent­wick­lun­gen beein­flusst:

  • Einer­seits durch die Arbei­ten von Ken Wil­ber zur inte­gra­len Theo­rie, aus deren Ein­fluss sich auch der Name Holok­ra­tie ergab.
  • Ande­rer­seits durch agi­le Soft­ware­ent­wick­lungs­ver­fah­ren wie Scrum. Das ergab sich dar­aus, dass Brain Robert­s­on agi­le Ver­fah­ren in sei­ner Soft­ware­ent­wick­lungs­fir­ma Ternary ein­setz­te.
  • Und schließ­lich auch durch die Selbstmanagement-Methode Get­ting Things Done (GTD) von David Allen.

Bei Ternary begann Robert­s­on auch mit agi­len Orga­ni­sa­ti­ons­for­men und Holok­ra­tie zu expe­ri­men­tie­ren, wobei das Unter­neh­men danach in eine wirt­schaft­li­che Kri­se geriet, die es nicht über­leb­te. Wei­ter­ent­wi­ckelt hat Brain Robert­s­on die Holok­ra­tie dann mit sei­nem neu­en Unter­neh­men Hol­acra­cy One. Sozio­kra­tie und Holok­ra­tie sind bei­des Franchise-Systeme, d.h. Bera­ter zah­len viel Geld für eine Akkre­di­tie­rung und geben nicht uner­heb­li­che Tei­le ihrer lau­fen­den Umsät­ze an den Fran­chi­se­ge­ber ab.

Trotz der offen­sicht­li­chen Über­nah­me des sozio­kra­ti­schen Modells benennt Brain Robert­s­on die­se Quel­le nicht, wodurch ihm die Urhe­ber­schaft fälsch­li­cher­wei­se öfter zuge­schrie­ben wird (bspw. in der brand­Eins). In den letz­ten Jah­ren wur­de die Holok­ra­tie wegen zuneh­mend unbe­frie­di­gend ver­lau­fen­der Umstel­lun­gen eher kri­tisch dis­ku­tiert. Robert­s­on ver­wen­det die Meta­pher eines neu­en „Organisations-Betriebssystems“, also ein mecha­nis­ti­sches Bild. Ent­spre­chend unwohl füh­len sich die Mit­ar­bei­ter in die­ser Maschi­ne. Und auch die abrup­te Umstel­lung auf Holok­ra­tie, wie bei einem Betriebssystem-Update, funk­tio­niert natür­lich nicht, da Men­schen län­ger zum Ler­nen brau­chen.

Wich­ti­ge Kon­zep­te der Sozio­kra­tie wie die Kreis­struk­tur und das Ein­wand­in­te­gra­ti­ons­ver­fah­ren (Kon­sent­mode­ra­ti­on) sind heu­te immer noch rele­vant. Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de von Sozio- und Holok­ra­tie hat­te ich in einem frü­he­ren Blog­bei­trag erläu­tert.

Teal“

Das Buch „Reinven­ting Orga­ni­za­ti­ons“ von Fre­de­ric Laloux ist vor weni­gen Jah­ren popu­lär gewor­den. Fre­de­ric greift einer­seits inte­gra­le Ide­en auf, bspw. aus Spi­ral Dyna­mics, und hat ande­rer­seits eine gan­ze Rei­he von beein­dru­cken­den und inspi­rie­ren­den Unter­neh­mens­bei­spie­len zusam­men­ge­stellt. Spi­ral Dyna­mics (und ver­wand­te Ansät­ze) beschreibt die Ent­wick­lungs­ge­schich­te mensch­li­cher Gesell­schaf­ten und Orga­ni­sa­tio­nen von den Stam­mes­ge­sell­schaf­ten bis hin zu den sich aktu­ell abzeich­nen­den Ent­wick­lun­gen und ver­wen­det dabei eine sys­te­ma­ti­sche Farb­co­die­rung, an deren aktu­el­lem Ende die Far­be „Teal“ (Tür­kis bzw. Petrol) zu fin­den ist.

Seit­dem wird der Begriff „Teal“ oder „Teal-Organization“ als Eti­kett für eine fort­schritt­li­che Art von Unter­neh­men ver­wen­det. Eine klei­ne Ein­füh­rung in die­se ent­wick­lungs­ge­schicht­li­chen Ide­en fin­den Sie in die­sem frü­he­ren Blog­bei­trag von mir.

Sozialorganik

Die­se Strö­mung ist nur im Umfeld anthro­po­so­phisch ori­en­tier­ter Unter­neh­men aus dem Umfeld der Alanus-Hochschule bekannt (dm dro­ge­rie­markt, Wala, Wele­da, Alna­tu­ra, Denn­ree, GLS-Treuhand, Software-AG etc.) und basiert auf Ide­en von Rudolf Stei­ner, Joseph Beuys u.a. Inter­es­sant ist die vom dm dro­ge­rie­markt in den 1990er Jah­ren ein­ge­führ­te Wert­bil­dungs­rech­nung als Gegen­stück zur klas­si­schen Kosten- und Pro­fit­cen­ter­rech­nung. Hier geht es eher um die Maxi­mie­rung gesell­schaft­li­cher oder zivi­li­sa­to­ri­scher Wirk­sam­keit statt um ego­zen­tri­sche Gewinn­ma­xi­mie­rung, wodurch sich in der Wer­te­ori­en­tie­rung Par­al­le­len zu „Teal-Organizations“ erge­ben.

Systemtheorie

Einen ganz erheb­li­chen Ein­fluss auf das The­ma Füh­rung und Orga­ni­sa­ti­on hat die sozio­lo­gi­sche Sys­tem­theo­rie von Niklas Luh­mann. Die wie­der­um baut auf zahl­rei­chen Ent­wick­lun­gen wie dem radi­ka­len Kon­struk­ti­vis­mus, Kyber­ne­tik, auto­po­ie­ti­sche Sys­te­me und eini­gen ande­ren auf.

Im Denk­mo­dell von Luh­mann sind die ele­men­ta­ren Ein­hei­ten einer Orga­ni­sa­ti­on Kom­mu­ni­ka­tio­nen. Es ist etwas gewöh­nungs­be­dürf­tig, dass ein sozia­les hier Sys­tem nicht aus Din­gen, Abtei­lun­gen oder Per­so­nen, son­dern aus Ope­ra­tio­nen besteht. Die­ser Trick umschifft aber ele­gant die Abgrün­de der Psy­che. Luh­mann betrach­tet nicht das Den­ken und Füh­len der Akteu­re, son­dern deren Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Die Men­schen mit ihren Gefüh­len aus der Betrach­tung aus­zu­klam­mern klingt zunächst etwas kühl und unmensch­lich und hat Niklas Luh­mann eini­ge Kri­ti­ker ein­ge­bracht.  Ande­rer­seits ist die­se Theo­rie unge­mein mensch­lich, denn sie zeigt eben gera­de, wie sinn­los es für die Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung ist, Men­schen ver­än­dern oder mani­pu­lie­ren zu wol­len, Appel­le oder Anwei­sun­gen mit dem Ziel von Ver­hal­tens­än­de­rung zu ver­tei­len oder den Schul­di­gen oder Ver­ant­wort­li­chen für ein Gesche­hen zu suchen. Was in den ein­zel­nen Orga­ni­sa­ti­ons­mit­glie­dern pas­siert, ist von außen kaum zu fas­sen.

Vor und neben Luh­mann gab es zahl­rei­che ande­re Sys­tem­theo­re­ti­ker mit wich­ti­gen Bei­trä­gen. Die gezeig­te Abbil­dung ist inso­fern etwas will­kür­lich ver­ein­facht.

Fritz Simon und Ger­hard Woh­land haben par­al­lel zuein­an­der auf die­ser luh­mann­schen Basis sys­tem­theo­re­ti­sche Orga­ni­sa­ti­ons­mo­del­le beschrie­ben, die prä­gend für die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen im Bereich Orga­ni­sa­tio­nen sind.

Systemisch

Sys­te­misch“ ist zunächst ein­mal ein­fach ein All­ge­mein­be­griff für einen ganz­heit­li­chen und die Wech­sel­wir­kun­gen berück­sich­ti­gen­den Blick auf kom­ple­xe Sys­te­me. Ein Sys­temi­ker wäre ent­spre­chend jemand, der die­ses Sys­te­mi­sche berück­sich­tigt. Über den All­ge­mein­be­griff „sys­te­misch“ hin­aus lässt sich jedoch kaum eine kla­re Defi­ni­ti­on oder Gren­ze fin­den.

Die Sys­tem­theo­rie ist in die­sem Zusam­men­hang ein wich­ti­ger, aber kein exklu­si­ver und auch kein not­wen­di­ger Bei­trag. Es gibt also sys­tem­theo­re­tisch geschul­te Sys­temi­ker und eben­so sol­che, denen die Sys­tem­theo­rie fremd ist. Für einen Sys­tem­theo­re­ti­ker kann der Begriff „sys­te­misch“ daher mög­li­cher­wei­se zu schwach und ein unge­schütz­tes Mode­wort sein.

Ein rei­ner Sys­tem­theo­re­ti­ker könn­te sagen: „Eine Orga­ni­sa­ti­on besteht nicht aus Men­schen, son­dern aus Kom­mu­ni­ka­tio­nen.“ Die Theo­rie erlaubt ihm eine Richtig-Falsch-Unterscheidung. Ande­rer­seits gibt es Men­schen, die für sich eine sys­te­mi­sche Hal­tung anstre­ben und damit eine res­sour­cen­ori­en­tier­te und lösungs­fo­kus­sier­te Per­spek­ti­ve mei­nen, aus der her­aus sie Richtig-Falsch-Unterscheidungen ver­mei­den, son­dern immer wie­der fra­gen, was sich aus unter­schied­li­chen Rea­li­täts­kon­struk­tio­nen hilf­rei­ches ent­wi­ckeln lie­ße.

Eine Per­son mit einer sys­te­mi­schen Hal­tung, kennt und ver­steht die­se sys­tem­theo­re­ti­sche Aus­sa­ge über Orga­ni­sa­tio­nen meis­tens auch, wür­de aber auch zu ande­ren Per­spek­ti­ven ein­la­den. Ein sys­te­mi­scher Prak­ti­ker wür­de sich dabei selbst nicht als Außen­ste­hen­der ver­ste­hen, son­dern als Teil des Sys­tems, der die (Wechsel-) Wir­kun­gen der eige­nen Kom­mu­ni­ka­tio­nen berück­sich­tigt.

In die­sem Zusam­men­hang wird dann auch der Begriff Sys­tem­theo­re­ti­ker manch­mal als Bezeich­nung für jeman­den ver­wen­det, der auf eine ein­zel­ne Theo­rie fest­ge­legt ist und die Wech­sel­wir­kun­gen sei­ner eige­nen Kom­mu­ni­ka­tio­nen in einem Sys­tem gar nicht ein­be­zieht, weil er sich in der Theo­rie und nicht in der Pra­xis bewe­gen möch­te. Dabei ent­steht der Nut­zen einer Theo­rie ja in der Pra­xis: „Nichts ist so prak­tisch wie eine gute Theo­rie“, wuss­te schon Kurt Lewin.

Wäh­rend eine Theo­rie ein abge­grenz­ter und in sich geschlos­se­ner Denk­raum ist, ist „sys­te­misch“ eher ein rie­si­ger Werkzeug- und Denk­mo­dell­kas­ten, in dem alle mög­li­chen Ent­wick­lun­gen ver­sam­melt sind, die in irgend­ei­ner Wei­se eine ganz­heit­li­che Per­spek­ti­ve auf sozia­le, psy­chi­sche oder bio­lo­gi­sche Sys­te­me haben.

Vie­le Sys­temi­ker haben eine the­ra­peu­ti­sche oder eige­ne prak­ti­sche Her­kunft. Bei­spie­le sind die Lösungs­fo­kus­sie­rung von Ste­ve de Sha­zer und Insoo Kim Berg, die Fami­li­en­the­ra­pie von Vir­gi­na Satir, die Hyp­no­the­ra­pie von Mil­ton Erick­son und Gun­ter Schmidt, die Lern­theo­rie von Gre­go­ry Bate­son, die sys­te­mi­schen Struk­tur­auf­stel­lun­gen von Mat­thi­as Var­ga von Kibed und Insa Spar­rer, die Reflec­ting Teams von Tom Ander­son und vie­les ande­re. Gemein­sam ist ihnen die prak­ti­sche und nutz­brin­gen­de Anwen­dung einer bestimm­ten Idee oder Theo­rie bei Men­schen. Sie ent­wi­ckeln Hand­lungs­werk­zeu­ge und pro­bie­ren Inter­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Dabei ver­wen­den und kre­ieren sie mög­li­cher­wei­se auch sys­tem­theo­re­ti­sche Bei­trä­ge.

Die­se viel­fäl­ti­gen sys­te­mi­schen Strö­mun­gen sind in der sys­te­mi­schen Orga­ni­sa­ti­ons­theo­rie bei Fritz Simon prä­sent, der als Psych­ia­ter, Psy­cho­ana­ly­ti­ker und Fami­li­en­the­ra­peut auch prak­tisch mit Men­schen gear­bei­tet hat. Die­ser Fokus auf ein prak­ti­sches Tun ist bei Niklas Luh­mann und ande­ren rei­nen Sys­tem­theo­re­ti­kern kaum erkenn­bar. Deren ratio­na­ler und wis­sen­schaft­li­cher Zugang ist weni­ger anwen­dungs­ori­en­tiert.

Wenn es also eine Unter­schei­dung zwi­schen sys­te­misch und sys­tem­theo­re­tisch geben soll­te, dann wohl am ehes­ten ent­lang des Wor­tes „theo­re­tisch“. Den Sys­temi­kern und sys­te­mi­schen Bera­tern und Coa­ches geht es in der Regel um eine sys­te­mi­sche Hal­tung, um die Nut­zung und Fokus­sie­rung sys­te­mi­scher Ide­en und Theo­ri­en im prak­ti­schen Tun und Kön­nen und all­täg­li­chen Han­deln und Ver­hal­ten. Sie ver­su­chen ihr eige­nes (sys­te­mi­sches) Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren und die Ein­sich­ten dar­aus in ihr eige­nes Leben und Arbei­ten zu inte­grie­ren. Dem gegen­über erschei­nen rei­ne Sys­tem­theo­re­ti­ker vor­ran­gig aufs Den­ken, Abs­trak­te und Ratio­na­le fokus­siert, deren Inhal­te distan­ziert von ihnen selbst sind. Sie ent­wi­ckelt mehr Denk- als Hand­lungs­werk­zeu­ge oder ver­ste­hen sich als Vor­den­ker.

Das Fazit mei­ner Gedan­ken zu sys­te­misch und sys­tem­theo­re­tisch: Über den All­ge­mein­be­griff „sys­te­misch“ hin­aus exis­tie­ren eher kon­tro­ver­se Defi­ni­tio­nen und Unter­schei­dun­gen.